Und wie geht es dir, Sandra (Litauen)? Der Deutschlandfragebogen

Heute habe ich einen neuen Deutschlandfragebogen für euch – von Sandra aus Litauen, die sich zum Beispiel über das deutsche Wetter freut. Das finde ich toll. Viel Spaß!

Name: Sandra
Alter:
34
Herkunft:
Litauen
In Deutschland seit:
01. Mai 2011
Familie:
verheiratet, 2 Kinder (Eleonora, 4 und Sofija, 6)
Wohnort:
Roth bei Nürnberg

Wie war dein Start in Deutschland? Wir sind zu dritt nach Deutschland gekommen: Ich, mein Mann und die 6 Monate alte Sofija. Die ersten Kontakte habe ich mit der Besitzerin der Ferienwohnung geknüpft, und ich konnte langsam mit Hilfe des Internets immer sagen, was ich wollte. Mein Deutsch war auf einem sehr niedrigen Niveau. Hier wird auch anders gesprochen, als ich damals in der Schule gelernt habe. Ich bin ein offener Mensch, ich war sehr glücklich neue Menschen zu treffen und mich über alles zu informieren. Die Menschen, die mir auf meinem Weg begegnet sind, sind sehr sehr gute, gebildete Menschen, und wir sind immer noch befreundet. Jeder hat uns auf seine Art und Weise sehr geholfen.

Seit wann fühlst du dich in Deutschland richtig zu Hause? Was (oder wer) hat dir dabei geholfen? Ich fühle mich dort zu Hause, wo meine Familie ist. Mein Mann ist 2011 wegen seiner Arbeit nach Deutschland gereist. Ich wollte nicht alleine mit dem Baby Sofija im kalten Litauen bleiben. Es war -19 bis -20 Grad im Winter. Ich musste den Schnee im Garten schaufeln und mich um unser Haus, unseren Hund und das Kind alleine kümmern. Dort haben wir in der Hauptstadt gewohnt und unsere Eltern, Geschwister waren 2-4 Stunden Fahrt von der Hauptstadt entfernt. Als mein Mann nach 2,5 Monaten in seinem Urlaub nach Hause kam, haben wir alles so organisiert, dass ich und Sofija mit ihm fahren konnten.

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Was fehlt dir? Lustigerweise fehlt mir nur, dass ich hier keinen litauischen Quark und kein Brot kaufen kann. Aber es ist auch kein Problem – wenn wir hin fahren, kaufe ich viel und friere alles ein. Dann bin ich für das ganze Jahr versorgt. Aber eigentlich wäre ich sehr froh, wenn es direkte Flüge vom Nürnberg nach Vilnius oder Riga gäbe, dann würde ich öfter zu meine Eltern und Schwestern reisen. Es ist ziemlich teuer in den Ferien von München aus hin zu fliegen, praktischer ist es mit dem Auto zu fahren.

Wann wusstest du, dass du für immer in Deutschland bleiben möchtest? Was hat dich zu dieser Entscheidung bewegt? Ich wollte schon immer die deutsche Sprache beherrschen, und eigentlich ist mein Traum wahr geworden. Da habe ich mich wie zu Hause gefühlt. Es gefällt mir, dass es wärmer ist als in Litauen, die Leute sind freundlicher, die Berge sind sehr nah und ich bin näher an der Natur als in Litauen. Die Leute arbeiten weniger, und am Sonntag haben alle einen Familientag. Mit der Kleinen habe ich mich damals für die ehrenamtliche Arbeit im Mütter- und Familienzentrum Roth e.V. engagiert. Seit 2012 bin ich offiziell dort die Kassenwartin. Langsam muss ich meine Tätigkeiten an jemand anderen weitergeben, da ich es aus beruflichen Gründen nicht mehr schaffe, mich so zu engagieren. Da verbringe ich meine Zeit lieber mit meiner Familie. Und als die zweite Tochter 2012 kam, da war schon alles bereit fürs Leben hier in Deutschland. Und sie brachte ihre Überraschung mit, mit der sie hier einfach besser aufgehoben ist. Sie hat das Down Syndrom, und hier hat sie alle Möglichkeiten sich zu entwickeln.

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Du bist schon einige Jahre hier. Wie hat sich dein Verhältnis zu den Deutschen verändert – und zu den Menschen in deiner Heimat? Ich respektiere die Deutschen, genauso wie die Litauer. Es spielt keine Rolle, was dein Herkunftsland ist. Wir alle sind Menschen. Manchmal merkt man, dass die Leute in Litauen müder und nervöser sind, von allem, weil sie einfach einen niedrigeren Lohn bekommen und mehr arbeiten müssen als hier in Deutschland. Die Lebensmittel und die Klamotten sind im Verhältnis zum Lohn viel teurer als hier. Sie haben keine Lust sich über viele einfache Dinge zu freuen.

Was ist für dich „typisch deutsch“? Brotzeit ist typisch deutsch und wir essen nur warm

Was gefällt dir in Deutschland / an den Deutschen? Sie sind offene Menschen. Wenn es denen schlecht geht, sagen sie es auch. Sie erzählen viel über sich selbst, und dadurch helfen die Menschen einander. Sie geben immer einen Rat. Und ich habe es nicht erlebt, dass die Deutschen neidisch sind, obwohl sie sich selbst so sehen.

Wann musst du über die Deutschen lachen? Ich lache immer, wenn sie einen Stau auf der Autobahn verursachen. Es ist oft so passiert, dass da gar nichts war und sie ein bisschen langsamer gefahren sind, weil es sie interessiert, was für ein Unfall auf der Autobahn passiert ist. Sie sind sehr neugierig.

Und was empfindest du als besonders anstrengend? Für mich ist es anstrengend, wenn die Familien einen sehr vollen Kalender haben und man nicht mehr etwas spontan ausmachen kann. Ganz viele wirken sehr beschäftigt und verbringen mehr Zeit mit vielen anderen Personen als mit einander in der Familie.

Was hast du durch den Wechsel nach Deutschland über dich und die Welt gelernt? Ich bin nicht sicher, ob ich etwas gelernt habe – aber bestimmt haben mich die Menschen um mich herum beeinflusst.. Ich hatte viele enge Freunde in Litauen, aber jetzt sieht man besser, wer die Freunde sind, und wer einfach Bekannte geblieben sind.

Was macht dich glücklich?
Ich bin glücklich, wenn meine Familie, Verwandten und Freunde gesund sind. Ich bin glücklich, wenn ich mit meiner Familie oder meinen Freunden etwas Aktives unternehmen kann. Ich bin glücklich, wenn ich hilfreich bin und mein Wissen teilen kann, oder von anderen Wissen bekomme oder vermittelt kriege.

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Ein paar Worte über die Deutschen
Freundlich, zu Hause nicht ordentlich, sportlich und sie lieben das Essen

Ein paar Worte über deine Landsleute
Engagiert, verantwortlich, fleißig

Ein paar Lieblinge: Buch, Film, Musik
Buch Saint-Exupery „Der kleiner Prinz“, Rhonda Byrne „Das Geheimnis“
Film „Desert Rose“
Musik – Cafe del Mar, Vivaldi 4 Jahreszeiten

Liebe Sandra, herzlichen Dank fürs Mitmachen!

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2 Gedanken zu “Und wie geht es dir, Sandra (Litauen)? Der Deutschlandfragebogen

  1. Liebe Sandra,

    deine Geschichte finde ich sehr interessant, sie hat mich sehr bewegt. Das macht Mut für viele andere.

    Viele Grüße
    Robert

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  2. Wie schön! Sandra, es freut mich, dich auf diese Art und Weise kennen zu lernen. Witzig, als ich den Fragebogen beantwortet habe, sind mir auch als Allererstes „Der Kleine Prinz“ und „Das Geheimnis“ eingefallen, aber dann dachte ich, dass ich ein deutsches Buch nennen sollte und habe sie nicht erwähnt.

    Viele Grüße aus Budapest!

    Gefällt mir

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