Nase putzen (für Fortgeschrittene)

Warnung: Explicit content! Ironie und Übertreibung! Bitte nicht wörtlich nehmen.

Ich habe Schnupfen.

Und zwar starken Schnupfen. Einen Schnupfen der Art, bei dem die Nase alleine entscheidet zwischen sich wohl fühlen und sich schrecklich fühlen. Bei dem die Nase zum Mittelpunkt des Kopfes wird. Mehr noch: Der ganze Körper scheint nur noch aus Nase zu bestehen.

Sie pulsiert, sie juckt, sie schmerzt, und vor allem: sie läuft.

Eine Nase sollte nicht so viel Macht haben. Ich spreche aus Erfahrung, denn mich haben schon fremde Menschen auf die Größe meiner Nase angesprochen. Könnt ihr euch das vorstellen? Aber das ist ein anderes Thema.

Ich habe also Schnupfen. Einen Schnupfen der Art, bei dem du mit offenem Mund durch den Tag gehst, nach Luft schnappst wie ein Ertrinkender, und sich dein ganzes Sein nur nach einer einzigen Sache sehnt:

Dir die Nase zu putzen. Ausführlich, zielorientiert und effizient. Denn der Rotz muss raus.

Wie du dir vorstellen kannst, erfolgt ausführliches und vor allem effizientes Nase putzen nicht ohne eine gewisse Lautstärke. Eine Lautstärke, die in ihrer Intensität und Inbrunst dem Trompeten eines Elefanten ähnlich ist.

Töröö. Nase wieder frei.

Oder?

Tja. Ich muss euch sagen, ich war schockiert. Ich war bereits Ende 20, als ich erfahren habe, dass ihr mein Nase putzen nicht mögt. Dass ihr es ekelhaft findet, gar abstoßend. Ich wusste das nicht! Ehrlich. Fast 30 Jahre meines Lebens habe ich froh gerüsselt, wann immer meiner Nase der Sinn danach stand. Ich wurde dazu erzogen, mich in jeder Hinsicht sozial angemessen zu verhalten, und das bezog in meinen Augen stets das Nase putzen mit ein. Schließlich benutze ich ja ein Taschentuch. Gerade jetzt höre ich meinen Mann trompeten, auch er hat Schnupfen, und ich fühle dabei: nichts. Denn in Deutschland ist es völlig normal, sich in aller Öffentlichkeit die Nase zu putzen.

Und jetzt kommt ihr, und bringt mein Weltbild durcheinander, und vor allem meine Selbstverständlichkeit des Schnupfen-bedingten Schnaubens in meinem Alltag.

Wenn ich unter starkem Schnupfen leide, so wie heute, so wie praktisch den ganzen Winter über, dann muss ich mir mindestens alle 5 bis 15 Minuten die Nase putzen, sonst läuft mir der Rotz über das ganze Gesicht.

Und jetzt kommt ihr, und sagt, dass ich mir nicht vor anderen Leuten die Nase putzen darf. Ich sitze also in der U-Bahn, noch 7 Stationen entfernt von meinem Ziel. Die Nase läuft, ich spüre – er kommt. Der Rotz. Er bahnt sich den Weg nach unten, drängt nach draußen, will an die Luft. Und ich? Blitzschnell erwäge ich folgende Alternativen:

a) Ich wähle den Weg der Kleinkinder, lasse den Rotz auf meine Zunge laufen und verzichte auf das Mittagessen.
b) Ich befolge den Rat meines Sohnes, der auf meine Frage „gibst du mir bitte ein Taschentuch?“ jedes Mal hilfreich mit „MAMA, ZIEH ES HOCH!!!“ antwortet. Oder
c) Ich halte mir ein Nasenloch zu und puste den Rotz kräftig auf den Boden der U-Bahn.

Was tue ich, wofür soll ich mich entscheiden? Alles dreht sich, ich fange an zu schwitzen, in Panik ziehe ich die Notbremse, schlage mit dem Hammer die mir nächstgelegene Fensterscheibe ein, springe kopfüber nach draußen und fliehe durch das Dunkel des U-Bahn-Tunnels.

Liebe Menschen, die ihr euch vor meinem Nase putzen ekelt. Es tut mir leid. Ein Teil von mir kann euch verstehen, wirklich. Und ich gebe mein Bestes. Ich trainiere, aber es ist hart. Erst heute Vormittag habe ich den gesamten Unterricht mit weit offenem Mund verbracht, jegliche Involviertheit meiner Nase vermieden und es auf diese Weise geschafft, das Nase putzen um ganze 120 Minuten hinaus zu zögern. Kaum hörte ich die Türe ins Schloss fallen, sprang ich zum Taschentuch und Sekunden bevor mein Gesicht implodierte, vollzog ich die ersehnte Aktion.

Töröö.

Und jetzt würde ich wirklich gerne wissen: Wie seht ihr das?

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2 Gedanken zu “Nase putzen (für Fortgeschrittene)

  1. Hahahaha – ein toller Artikel! Sehr amüsant geschrieben!
    Ein echter Lesegenuss!

    Jetzt zu deiner Frage: Ich habe mich schon mit mehreren schockierten Ausländern in Deutschland über das laute Naseputzen unterhalten und wir waren uns alle einig, dass es in vielen Kulturen einfach nicht akzeptabel ist.

    Ich kann mich noch ganz genau an eine Vorlesung erinnern, in der der Prof auf die leiseste Minute gewartet hat, um eine kurze Pause zu machen, sein Taschentuch rauszuholen und Törööö – vor allen super laut zu… furzen? Nein, Spaß 🙂 um sich die Nase zu putzen. Aber genauso schlimm wäre es auch, wenn er gefurzt hätte. Genauso wie das Furzen oder das In-der-Nase-Popeln nicht gesellschaftlich angebracht sind, wirkt das laute Naseputzen als widerlich und unerzogen. Man macht eben sowas auf der Toilette oder irgendwo, wo man alleine ist, aber nicht direkt vor einem Publikum von Menschen, die einen anstarren.

    Ich verstehe die Logik der Deutschen, dass man sich die Nase befreien muss, um wieder durchatmen zu können. Aber man befreit sich von vielen anderen „Sachen“ auch nicht am Tisch oder in der Gesellschaft anderer, nicht wahr?

    Wenn es unbedingt sein muss, dann versucht man es diskret zu machen. Man geht eben kurz raus oder wenn es gar nicht möglich ist (wie in der Bahn), dann dreht man sich an die Seite und tupft die Nase leicht ab, aber nicht mit einem fensterscheibenzerbrechendes Törööö! 🙂 Hahahah! Es ist einfach zu lustig.

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    1. Ja, je mehr ich darüber nachdenke (und das tue ich aufgrund meines immer noch andauernden Schnupfens zur Zeit sehr oft), desto besser kann ich das nachvollziehen. Aber interessant. Ich habe mir vorher wirklich nie darüber Gedanken gemacht, dass es unhöflich sein könnte! LG

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