Und wie geht es dir, Dilyana (Bulgarien)? Der Deutschlandfragebogen

Diese Woche hat Dilyana von Germanskills.com meinen Fragebogen beantwortet. Die Deutschen und ihre Funktionsklamotten – Dilyana, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen 🙂

Name: Dilyana
Alter: 31
Herkunft: Bulgarien
In Deutschland von 2004 bis 2013
Familie: verheiratet, 1 Sohn
Wohnort: Budapest (Ungarn)

Wie war dein Start in Deutschland?
Spannend. Anstrengend. Lehrreich.
Mit 18 bin ich erst mal als Au-Pair nach Deutschland gekommen. Ich habe bei einer deutschen Familie in Bad Homburg v.d.H (in der Nähe von Frankfurt am Main) gelebt, wo ich mich um ihre 6-jährige Tochter gekümmert habe. Ich habe sehr viel über den deutschen Alltag, die Kultur und das Familienleben gelernt.

Die ersten Sachen, die mich beeindruckt haben, waren die Sauberkeit (die glänzenden Autos und meine staublosen Schuhe: Ich habe mich immer gewundert, wie sauber meine Schuhe blieben, auch wenn ich viel draußen unterwegs war), die deutsche Freundlichkeit und wie gut ich Deutsch verstehen konnte.

Am Anfang war es sehr anstrengend, manchmal sogar sehr stressig und hektisch, aber ich werde diese intensive Lernphase nie vergessen, weil sie mir so viel gebracht hat. Schon damals wusste ich, dass ich auf jeden Fall in Deutschland leben möchte.

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Wann hast du dich in Deutschland richtig zu Hause gefühlt? Was (oder wer) hat dir dabei geholfen?
Erst nach 2 oder 3 Jahren. Ich weiß noch, dass ich mich damals sehr darum bemühen musste, “richtige Freunde” zu finden und ich fand es immer schwierig, weil ich oft das Gefühl hatte, dass meine deutschen Freundinnen ein anderes Verständnis von Freundschaft hatten als ich.

Später habe ich auch viele ausländische Freunde gefunden und dadurch fühlte ich mich wohler. Meine deutsche Gastfamilie hat mich auch wie ein echtes Familienmitglied behandelt und das hat mir auch viel geholfen, mich “wie zu Hause” zu fühlen.

Eine Zeit lang fühlte ich mich allerdings immer zerrissen zwischen meinem Heimatland und Deutschland. Ich wusste nicht so genau, wo ich wirklich hingehöre. Bulgarien war meine Heimat, das Land, wo ich aufgewachsen bin, wo ich meine Wurzeln hatte, meine Familie, meine Freunde, wo ich meine Kindheit verbracht habe und wo ich groß geworden bin. Und Deutschland war das Land, wo ich erwachsen geworden bin, wo mein bewusstes Leben angefangen hat.

Deshalb entschied ich mich 2009 erst mal weg zu gehen, um Abstand von beiden Ländern zu bekommen, bevor ich mich entscheiden konnte, wo ich für immer bleiben wollte.

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Warum bist du hierher gekommen, und was hast du hier eigentlich gemacht?
Der ursprüngliche Plan war eigentlich, dass ich nur 1 Jahr lang als Au-Pair bleibe. Aber schon nach den ersten 3 Monaten wusste ich, dass ich viel länger bleiben wollte und dass ich mich um einen Studienplatz in Deutschland bemühen würde.

Das habe ich auch getan. Ich habe studiert und nebenbei auch gearbeitet, und damit mein Studium finanziert. In den USA habe ich an einer großen Uni (PennState University) Deutsch unterrichtet. Ich bin dort viel gereist und fand es ganz spannend, ein Jahr lang weg zu sein. Aber der amerikanische Lebensstil hat mir doch nicht so zugesagt, wie ich es mir vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten versprochen hatte. Ich habe Deutschland schrecklich vermisst.

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Nach einem Jahr bin ich wieder nach Deutschland zurückgekehrt und habe erst mal weiter an der Uni Marburg Deutsch als Fremdsprache unterrichtet, und parallel noch an einer Privatsprachschule gearbeitet, sowie Privatunterricht in ein paar lokalen Unternehmen gegeben. Als wir dann 2 Jahre später nach Italien umgezogen sind, habe ich all diese Erfahrungen vereint und GermanSkills.com gegründet. Ich wollte ein Stück von Deutschland mitnehmen oder besser gesagt, nie aufgeben, deshalb war mir klar, dass ich gerne mit anderen Menschen wie ich arbeiten wollte. Mein Ziel war, anderen Expats zu helfen, nicht nur die deutsche Sprache auf effektivste und flexibelste Art und Weise zu lernen, sondern ihnen zu helfen, sich möglichst schnell in die deutsche Kultur einzuleben, selbstbewusst zu kommunizieren und ihr neues Leben dort möglichst reibungslos wieder aufzubauen. Ich habe meine eigenen Lernprogramme entwickelt und seit 2013 erfolgreich viele Expats auf ihrem Weg begleitet.

Was hat dir gefehlt?
Natürlich meine Familie und meine Freunde aus der Schule. Am Anfang auch das Selbstbewusstsein, ob ich es alleine so schaffen kann. Ich bin mit vielen Vorurteilen nach Deutschland gekommen. Und obwohl sich nichts davon bestätigt hat, habe ich immer mit Selbstzweifeln gekämpft – ob ich es schaffen werde, ob ich als gleichgestellt akzeptiert und gesehen werde, ob ich alle Anforderungen erfüllen werde. Es war mir sehr wichtig, mich beweisen zu können.

Was hat dich zu der Entscheidung bewegt, Deutschland wieder zu verlassen?
Die Liebe 🙂 Ich habe einen netten Kerl getroffen, in den ich mich verliebt habe und der die verrückte Idee hatte, dass wir für ein paar Jahre nach Italien auswandern sollten. Das haben wir auch gemacht. Und es mag total verrückt klingen, aber 2,5 Jahre lang in der Toskana habe ich Deutschland furchtbar vermisst. Inzwischen leben wir in Ungarn – wir nähern uns also Deutschland langsam wieder, aber es gibt trotzdem Sachen, die ich vermisse.

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Hat dich dein Aufenthalt in Deutschland verändert?
Auf jeden Fall! Ich wollte mich auch verändern. Ich habe mich in vieles in Deutschland verliebt und ich wollte mir auch vieles zu eigen machen. Also war ich offen für alles, was ich lernen und mitnehmen konnte. Ich denke, dass Deutschland mich sehr stark in meiner Denkweise, meiner Arbeitsweise und sogar in meinen Werten geprägt hat.

Was ist für dich „typisch deutsch“?
Klar weiß ich, dass es so etwas nicht gibt. Aber wenn ich an die Deutschen denke, dann gibt es ein paar Sachen, die ich immer mit ihnen verbinden werde. Das sind sozusagen meine eigenen Klischees – oder was mir voll oft aufgefallen ist:

  • die Jack-Wolfskin-Jacke und Wanderschuhe – Mann oder Frau – daran erkennt man jeden deutschen Touristen, der “nur einen Stadtbummel macht”, selbst im Sommer bei 30 Grad im Stadtzentrum 🙂
  • das Bedürfnis nach Sicherheit und Absicherung sowie alle Vorkehrungen, die damit zusammen hängen, wie z.B.
  • das rechtzeitige (und ständige) Planen im Voraus
  • das Lesen im Zug oder im Bus
  • das ständige Hinterfragen von Fakten und Meinungen
  • das kritische Auseinandersetzen mit komplexen Themen
  • die deutsche Ernsthaftigkeit
  • ihre Reise- und Unternehmenslust: Sie machen immer super viel in ihrer Freizeit

Was hat dir in Deutschland / an den Deutschen gefallen?
Ihre Zuverlässigkeit und Ehrlichkeit, das strukturierte Denken und die geregelte Vorgehensweise (klar kann man sich viele bürokratische Sachen ersparen, aber so an sich finde ich es schon toll, dass man ein gewisses Prozedere für alles hat und dass man sich meistens auch daran hält).

Gibt es etwas, das du vermisst?
Die Brotauswahl, den Latte Macchiato, die süßen Fachwerkhäuser, von zielstrebigen und motivierten Menschen
umgeben zu sein, das Grillen im Park, manchmal tatsächlich das regnerische Wetter (es gibt nichts Besseres, wenn man sich einfach auf die Arbeit konzentrieren möchte), die Sprache…

Wann musstest du über die Deutschen lachen?
Ja, wenn ich die deutschen Touristen mit ihren Wanderschuhen und in voller Ausrüstung im Sommer irgendwo im Urlaub treffe und mir denke, man kann es aber auch übertreiben. Ich muss wirklich lachen, wenn ich sie irgendwo im Stadtzentrum von Florenz oder einer anderen romantischen Stadt sehe und sie so angezogen sind, als ob sie gleich den Everest besteigen würden.

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Und manchmal finde ich es auch sehr amüsant, dass sie gar nicht über sich selbst lachen können. Sie ärgern sich manchmal wirklich über Kleinigkeiten (das tun wir alle, klar), aber bei den Deutschen fällt es mir oft besonders auf, dass sie sehr ungern umplanen und flexibel handeln. Änderungen und Spontaneität bringen sie oft aus dem Gleichgewicht.

Und was empfandest du als besonders anstrengend?
Der ständige Gesellschaftsdruck – immer mehr zu leisten und immer besser zu sein. Das vermisse ich jetzt teilweise, aber ich fand es auch oft viel zu anstrengend.

Was hast du durch den Aufenthalt in Deutschland – und deine Rückkehr – über dich und die Welt gelernt?
Dass man überall gut leben kann. Man kann es sich überall gut und schön machen. Es wird immer Sachen geben, die wir vermissen und andere, die wir lieb gewinnen. Solange man die wichtigsten Menschen um sich herum hat, kann man sich vieles Andere zurecht biegen.

Ich habe aber auch gelernt, dass es bestimmte Orte auf der Welt gibt, die wir besonders ins Herz schließen und wo wir uns besonders wohl fühlen – unabhängig von den äußeren Umständen.

Was macht dich glücklich?
Konkret auf Deutschland bezogen: In Marburg zu sein 🙂
Alte Freunde zu treffen und an der Lahn oder durch die Oberstadt spazieren zu gehen.
Allgemein gesprochen, natürlich meine Familie, meine Arbeit, meine Freunde
.
Aber auch die Kleinigkeiten im Leben: lachen, tanzen, reisen, ein gutes Buch lesen, etwas Gutes essen.

Dein deutsches Lieblingsessen?
Spinat mit Fischstäbchen und Kartoffelbrei 🙂 Ich weiß, es ist ein Kinderessen und das habe ich auch während meiner Au-Pair-Zeit kennengelernt, aber ich habe es bis jetzt in keinem anderen Land gegessen und ich finde es voll lecker 🙂

4 Worte über die Deutschen
zuverlässig, reiselustig, freundlich, planerisch

4 Worte über deine Landsleute
gastfreundschaftlich, fröhlich, fleißig, schlau

4 Lieblinge: Buch, Film, Musik, Blog
Schluss mit den typischen Fehlern, Zweiohrhasen, Xavier Naidoo, www.
germanskills.com/schatzkiste 🙂

Liebe Dilyana, herzlichen Dank fürs Mitmachen!

Dilyana hat übrigens zwei sehr empfehlenswerte eBooks geschrieben, die für euch vielleicht auch interessant sind:

e-books-germanskills-com

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