Aufstehen, mitreden, mitmachen: Genug ist nicht genug. Der Liedermacher Konstantin Wecker

In manchen Momenten habe ich so ein Gefühl im Bauch. Da spüre ich in mich hinein und merke, irgend etwas stimmt nicht. Irgend etwas stört, zerrt an meinen Nerven wie ein Stein im Schuh oder eine Wimper im Auge. Dann klopfe ich an die Tür meines Hirns, suche, und ziehe das störende Gefühl schließlich heraus aus dem See meines Bewusstseins, um es mit klarem Verstand von allen Seiten betrachten, zu bearbeiten und idealerweise wieder hineinwerfen zu können.

In diesen Wochen und Monaten ist es ständig da, dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt.

Meist liegt es begraben unter einem Haufen von Zeug, das meiner unmittelbaren Aufmerksamkeit bedarf. Kinder anziehen. Unterricht vorbereiten. Arzttermine vereinbaren. Unterhosen waschen. Das alltägliche Geschehen.

Doch unter diesem Haufen Alltag liegt es, das schlechte Gefühl, und sobald ich einen Moment Ruhe habe, wabert es nach oben in mein Bewusstsein.

Vielleicht kennt ihr dieses Gefühl. Etwas ist nicht richtig. Irgend etwas stimmt nicht, stimmt ganz und gar nicht. Nur kann ich es diesmal leider nicht alleine lösen, denn es geht nicht um mich: es geht um die Welt. Um uns alle. Die Welt scheint seit einiger Zeit kein freundlicher Ort mehr zu sein, angry ist sie angeblich, an angry place. Ein Ort, an dem Wut regiert und Angst, Ausgrenzung und Feindlichkeit.

Jetzt bin ich beileibe kein politischer Mensch. Bisher informierte ich mich und ging zur Wahl. Fertig. Und auf einmal wache ich jeden Tag auf und habe dieses schlechte Gefühl, und dann schalte ich den Fernseher ein oder schlage die Zeitung auf und muss wegschauen, weil mein Hirn das nicht aushält, und schaue trotzdem wieder hin.

Meine Generation ist jahrzehntelang sehr bequem durch das Leben gekommen, ohne groß Stellung beziehen zu müssen. Es war ja alles mehr oder weniger in Ordnung in Deutschland, in Europa. Und dann kam der Terror, und dann kam die Flüchtlingskrise, und dann kam Trump. Heute klopfen die Rechtspopulisten an allen Türen, und dieses Gefühl, das sich so vehement in mein Bewusstsein klebt und sich in mein Gemüt frisst, ist: Wir stehen an einem Scheideweg. An einer Kreuzung. Und wir müssen eine Entscheidung treffen.

Sie sind nicht alltäglich, diese Momente, in denen Geschichte geschrieben und die Farbe, die Konsistenz, die Beschaffenheit unserer Länder neu gemischt und gestrichen wird. Aber ich spüre, wir sind an so einem Moment angekommen. Wo es nicht mehr funktioniert, keine Stellung zu beziehen und zu sagen, alles entwickelt sich wirklich in eine komische Richtung, aber hey – ich kann nichts tun.

Denn wir können etwas tun. Aufstehen, uns den Staub und die Faulheit der letzten Jahrzehnte von den Schultern klopfen, und losgehen um Stellung zu beziehen. Die Farbe meines Landes mitbestimmen, des Landes meiner Kinder. Damit sie mich in 20 Jahren nicht fragen, Mama, wie konnte das passieren? Wie konntet ihr es so weit kommen lassen? Habt ihr denn gar nichts gemacht?

Jeder von uns ist einer mehr auf der guten Seite. Wir sind zu alt für Politikverdrossenheit und Netflix-Dauerschleife, und der Boden unter unseren Füßen brennt. Es ist Zeit.

Zeit, etwas zu tun*. Damit wir wieder verstehen, was da draußen eigentlich passiert. Damit es sich wieder richtig anfühlt.

Wie ich darauf komme:

Einer, der nie den Mund gehalten hat, der sein Leben damit verbracht hat, als Künstler für Menschenrechte, Toleranz und Frieden zu kämpfen, ist Konstantin Wecker. Er ist Komponist, Autor und einer der bedeutendsten deutschen Liedermacher. Er wird dieses Jahr 70.

Sein Motto: Poesie und Widerstand!

Obwohl er nie einer Partei angehörte, engagiert er sich immer politisch. Er verarbeitet politische Themen in seinen Texten, er ist präsent auf Veranstaltungen für Friedensbewegungen, und er scheut sich nie laut seine Meinung zu sagen, auch wenn immer genug da sind, die sie nicht hören wollen.

1977 gelang ihm mit der Platte „Genug ist nicht genug“ der Durchbruch, und dieses Lied möchte ich euch heute vorstellen. Es ist ein Lied, das aufwühlt und antreibt, und mich jedes Mal mit einer Gänsehaut zurück lässt und der Gewissheit, dass Aufstehen immer besser ist als Sitzen bleiben.

Ihr müsst nicht jedes Wort verstehen, aber den Refrain:

Genug ist nicht genug
Ich lass mich nicht belügen
Schon Schweigen ist Betrug
Genug kann nie genügen.

Den gesamten Text findet ihr hier auf seiner Website.

*Also, was tun?

Sascha Lobo hat vor ein paar Tagen eine Kolumne mit ein paar sehr konkreten Vorschlägen dazu geschrieben, wie man nicht durchdreht.

Wach sein, informiert bleiben, alles hinterfragen, seine Meinung sagen, protestieren. Und handeln. Spenden für Bürgerrechtsorganisationen. Einer Partei beitreten. Es gibt viele Möglichkeiten – und jede einzelne Kleinigkeit ergibt mehr Sinn, als nichts zu tun.


Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantin_Wecker vom 02.02.2017
www.wecker.de vom 02.02.2017

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